Hände weg von „Tosca“

BSO München gegen LS Milano, ganz oberste Champions League war das einmal. Doch während sich die Bayerische Staatsoper in der Spitzenliga behauptet (auf welchem Platz nur?), spielt La Scala inzwischen Europa League und zehrt vom Nimbus glorioser Zeiten. Umso aufreizender das Duell, das ab 27. Oktober ausgetragen wird: Beide Häuser starten innerhalb von 24 Stunden DAS Prestigeprojekt der Branche, Wagners „Ring des Nibelungen“, dies natürlich mit dem „Rheingold“ (Videokritiken gibt es hier jeweils kurz nach Vorstellungsende).

Die Scala denkt sich den „Ring“ erwartungsgemäß von der musikalischen Fraktion her – und hat damit ordentlich Pech gehabt. Was als große Christian-Thielemann-Sause gedacht war, muss umgeplant werden. Bekanntlich hat er alles abgesagt. Eine Sehnen-OP, wie er schrieb. Hinzu komme auch „die unsichere Situation an der Scala“. Sehr kryptisch. Eine verbale Ohrfeige. Simone Young und Alexander Soddy sollen es zumindest beim „Rheingold“ richten. Auf der Bühne gibt es dazu eine Starparade: Michael Volle (Wotan), Okka von der Damerau (Fricka), Ólafur Sigurdarson als Alberich für den schwer kranken Johannes Martin Kränzle, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Mime). Regie? Ach ja: David McVicar, Garant für gediegene Ambition.

Ganz anders die Bayerische Staatsoper. Ohne dem Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski zu nahe treten zu wollen: Alle Opernwelt fiebert der Inszenierung von Tobias Kratzer entgegen. Eigentlich, so gestand Intendant Serge Dorny vor Jahren im persönlichen Gespräch, brauche München keinen „Ring“. Das blockiere zu viel im laufenden Betrieb, die schon existierende, einigermaßen befriedigende Inszenierung von Andreas Kriegenburg könne ja mit durchreisenden Promis belebt werden. Dorny hat umgedacht – wer den hoch gehandelten Kratzer kriegen kann, muss zugreifen. Dazu, das wiederum spricht für die musikalische Fraktion, gibt es viele neue Gesichter auf den wichtigsten Positionen. Nicholas Brownlee zum Beispiel, in Bayreuth gerade „nur“ für den Donner gebucht, soll bis 2027 alle Wotane übernehmen.

Schon wieder zwei „Ringe“ also. Basel hat seinen gerade abgeschlossen (Regie: Benedikt von Peter), Dortmund komplettiert kommenden Mai ein Projekt mit dem noch immer sinnlich-subversiven Peter Konwitschny, in Berlin laufen zwei „Ringe“ (Staatsoper: Dmitri Tcherniakov, Deutsche Oper: Stefan Herheim) parallel, in London schmiedet Barrie Kosky, Wien plant schon den nächsten, Bayreuth zum Jubiläum 2026 einen halbkonzertanten und dann 2028 einen kompletten – was soll das alles? Eine Inflation, weil sich jede Opernchefin, jeder Opernchef das T-Shirt mit „I did it“ überziehen will? Theater-Ermöglicher Klaus Zehelein rief, ermattet von all dem teuren Marathon-Wahn, vor ein Dutzend Jahren nach einer „Ring“-Pause.

Falscher Alarm ist das, denn: So viel „Ring“-Input, so viel Debatte, so viele neue Perspektiven, Bildwelten, Befragungen und (Neu-)Bewertungen gab es in dieser Konzentriertheit fast noch nie. Scheitern inklusive, siehe die aktuelle Bayreuther Inszenierung von Valentin Schwarz oder die Stuttgarter Verhackstückelung mit gleich sechs Regie-Teams, aber das gehört dringend und wesenhaft zur Kunst. Wagners in seiner Gänze ungreifbares Opus summum provoziert eine solche Premierenladung. Der „Ring“ verträgt das und das Publikum erst recht: „Ausverkauft“ heißt es fast an jedem Abend. Nur eine kleine Gruppe kommt aus dem Naserümpfen nicht mehr heraus, das sind die KritikerInnen.

Was dagegen nicht mehr sein muss: der x-te Aufguss von „Zauberflöte“, „Carmen“ oder „Tosca“. Die drei Opernchart-Führer, das legen die Produktionen der jüngeren Zeit nahe, sind ziemlich ausgezuzelt bis überfordert worden. Das Ergebnis, gerade bei Mozart, sind Regie-Krämpfe weg vom Volkstheaterhaften. Bei Bizet hat nun fast jede(r) durchdekliniert, ob es sich um eine Femme fatale, eine Frau in der Opferrolle, eine Männerprojektion oder alles zusammen handelt. Und „Tosca“ bringt als nahezu perfekt gebautes Stück so viel Eigenenergie mit, dass es allein aufs passende Gesangspersonal ankommt. Kassenschlager sind sie alle drei, aber deshalb muss man sie nicht ständig neu inszenieren. Museumsproduktionen wie in München oder Wien reichen vollkommen. Deshalb: Hände weg von „Tosca“.

Foto: Asterix in München? Szene aus einem Video der Münchner „Rheingold“-Inszenierung mit Nicholas Brownlee als Wotan. Copyright: Manuel Braun

Hinterlasse einen Kommentar