Das Klicken auf diese beiden Vorstellungen kann man sich sparen. Der Grund liegt auf der Hand: Der Star und Chef steht schließlich selbst auf der Bühne. Wagners „Parsifal“ ist zwar erst Ostern 2025 dran, doch die Fans von Jonas Kaufmann haben ihre Tickets längst gebucht. „Ausverkauft“, das ist allerdings der Ausnahmefall in Erl. Dort, wo die Tiroler Festspiele mit dem Tenor-Intendanten in eine neue Ära starten wollen. Der 55-Jährige soll nach dem Willen des milliardenschweren Festspielpräsidenten Hans Peter Haselsteiner für das sorgen, was unter der Ägide des hinauskomplimentierten Vorgängers Bernd Loebe zu selten der Fall war: für ein volles Haus. Und der Sänger im Karriere-Spätsommer baut mit dem neuen Standbein schon mal vor für die Zeiten, wenn die Stimmbänder nicht mehr so gehorchen wie einst.
Wer sich in diesen Tagen durch die Erler Homepage klickt, erfährt allerdings das Gegenteil. Die Winterfestspiele machen quasi dort weiter, wo Loebe aufgehört hat. Die „Bohème“-Premiere mit (günstigen) Nachwuchskräften ist zwar fast voll, für die zwei Folgevorstellungen gibt es indes noch massig Karten. Ebenso für die konzertanten Aufführungen von Bellinis „I puritani“ und fürs Abschlusskonzert, immerhin laufen die Silvester- und Neujahrskonzerte sehr gut. Bislang geht der Plan, mit dem Lockstoff Kaufmann die Scharen ins Inntal zu locken, nicht auf: Wer nach Erl will, möchte offenkundig den Tenorissimo auf der Bühne erleben und nicht nur als aufgeklebtes Festival-Label.
Immerhin suggeriert Kaufmann im Interview auf der Webseite Präsenz. Zumindest wenn es um die Inszenierungen geht, nämlich „indem ich von Anfang an dabei bin, um zu sehen, wohin die Regie-Idee geht. Und nicht erst zum Schluss, wenn das Kind vielleicht in den Brunnen gefallen ist“. Er wolle „die Produktionsschritte konstruktiv begleiten“. Doch viel deutet darauf hin: Kaufmann wird sich nur sporadisch und zu ausgewählten Anlässen unterm Kranzhorn blicken lassen.
Die operative, tägliche und damit Hauptarbeit erledigen dort Andreas Leisner als Künstlerischer Betriebsdirektor und Geschäftsführer sowie Ilias Tzempetonidis, den sich Kaufmann von der Oper Neapel als Castingdirektor geholt hat. Leisner kennt sich bekanntlich aus in Erl, er war schon die rechte und linke Hand des über #MeToo-Vorwürfe gestolperten Festivalgründers Gustav Kuhn und einst als dessen Kronprinz aktiv. Für Kaufmanns sporadische Anwesenheit spricht auch eine Anekdote, die ein Kulturmanager im vertrauten Gespräch erzählte: Er wollte den Tenor in den kommenden Jahren für einen Juli-Termin verpflichten, war sich aber wegen Kaufmanns neuem Intendantenjob nicht so sicher. Die Antwort des Sängers: Das klappe schon, in Erl habe er keine übermäßige Anwesenheitspflicht.
Noch düsterer sieht der Vorverkauf für den kommenden Sommer aus, wobei der zugegebenermaßen noch weit ist. Doch das Muster wiederholt sich. Die Wagner-Gala mit Kaufmann ist so gut wie voll, für das Verdi-Triple „La traviata“, „Rigoletto“ und „Il trovatore“ ohne ihn konnte sich bislang nur ein kleines Häufchen erwärmen. Kunststück: Für Ticketpreise bis zu 120 Euro gönnt man sich die Hits vielleicht lieber in einer szenischen Aufführung und nicht nur konzertant wie in Erl. Ganz düster sieht es aus für George Benjamins Oper „Picture a Day like this“, die im Juli 2023 beim Festival von Aix-en-Provence uraufgeführt wurde, seither durch die Opernlande tourt und an die sich Kaufmanns Erler Festival quasi drangehängt hat. Ähnliches bei der Koppelung von Bartóks „Blaubart“ mit Poulencs „La Voix humaine“ zum Opern-Doppelabend, koproduziert mit Florenz und immerhin inszeniert mit Claus Guth. Zwei Produktionen sind das, die Bernd Loebe, nun wieder zu 100 Prozent Intendant in Frankfurt, in Erl mutmaßlich nie riskiert hätte – obgleich er dort auch Randgewächse des Repertoires pflegte.
Eine klare Programmlinie ist in Erl unter Jonas Kaufmann jedenfalls nicht zu erkennen. Alles trägt den Charme des schnell Zusammengeschusterten. Was sich das dortige Leitungsteam als vielfältiges Bouquet denkt, schmeckt eher nach Beliebigkeit. Als ob der örtliche Gasthof Dresch zum Schweinsbraten Vanillesoße serviert. Zu allem Unglück ist 2025 auch noch das Passionsspielhaus mit seinen 1500 Plätzen blockiert, weil dort alle sechs Jahre Jesu Leiden und Sterben aufgeführt wird. Kaufmann beziehungsweise Leisner müssen auf das Festspielhaus mit seinen 860 Sitzen ausweichen, ausgerechnet zu Ostern auch fürs religiös umwaberte Zugstück des „Parsifal“. Was bedeutet: weniger Einnahmen und eine fragwürdige Akustik.
„Ich habe ursprünglich mal gesagt, ich will hier nicht als Sänger antreten, sondern als Intendant“, so formulierte es der Neu-Intendant einmal im persönlichen Gespräch. Gut möglich, dass er diesen Vorsatz sehr aufweichen oder über Bord werfen muss. Als bloßer Grüß-Gott-Promi, das spüren die Festspiele gerade, funktioniert Jonas Kaufmann noch nicht.

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