Biopic über die Callas: Jessas, Maria

So viel darf gespoilert werden: Die Diva stirbt. Aber wie. Vor geöffneten Fenstern, mit einem letzten „Vissi d’arte“ auf den Lippen, während unten in der Avenue Georges Mandel Passanten staunend stehen bleiben. Als Haushälterin Bruna und Butler Ferruccio nach oben eilen, ist es zu spät. Die Pudel winseln Frauchen in höchsten Soprantönen ein wortloses Lebewohl hinterher. Erstunken und geflunkert das alles, taugt aber als schwerblütiges Finale. So wie der Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ zum Abspann. Höchste Melancholiestufe, klingt gut, ist aber weitgehend sinnfrei.

Ein weiteres Mal wird die Callas mit „Maria“ gefleddert. Der Film kam bei den Festspielen von Venedig heraus, läuft auf Netflix und ab 6. Februar in deutschen Kinos. Als Cashcow (sorry for that) taugt die Assoluta seit Jahrzehnten. Ihre Plattenfirma – einst EMI, dann Warner – machte Kasse und rettete sich finanziell mit immer neuen Abmischungen und Aufmöbelungen der alten Alben, andere Labels hingen sich dran. Buchverlage profitieren vom noch immer anhaltenden Callas-Boom, 2023, zu ihrem 100. Geburtstag, erschienen noch einmal zwei Bände. Fast parallel dazu kam die Dokumentation „Maria by Callas“ heraus. Und nun also „Maria“, zu ihrem 101., in Szene gesetzt von Pablo Larrain, der nach Pablo Neruda, Jackie Kennedy, Augusto Pinochet ein weiteres Mal seiner Biopic-Passion frönt.

Erzählt werden die letzten Tage der Callas in Paris. Wir sehen eine abgedankte Königin, die den Tag nur mehr mit Tabletten übersteht. Die Droge Mandrax ist ihr so sehr Nahrungsersatz, dass sie sich einen gleichnamigen Journalisten herbeihalluziniert für ein ausgiebiges Interview. Ab heute entscheide sie selbst, was real ist und was nicht, kündigt sie an. Dazu gibt es den letzten Versuch eines Comebacks: Geschützt vor der Außenwelt begibt sich diese Callas in ein leeres Theater, wo sie sich an ihre legendären Arien wagt – vergeblich. Zu hören ist dabei ein digitaler Klangmix aus Originalsopran und der Stimme von Angelina Jolie. Verblüffend, irritierend, also sehr gut gemacht.

Für die Hollywood-Diva ist „Maria“ eine 124-minütige Elegie-Etüde. Mit vorgestrecktem Kinn und leicht gespitzten Lippen ist Angelina Jolie Mittelpunkt erlesener Szenen und auf (zu) offensichtlichem Oscar-Kurs. Vielleicht der erste Film mit Dauer-Weichzeichner, obwohl technisch gar keiner eingesetzt wurde. Noblesse und Kitsch wechseln sich ab, oft kommt auch beides zusammen.

Zu Beginn gehen Jolie und ihr Regisseur höchstes Risiko ein. Die ikonischen Privatszenen der Callas, etwa auf der Yacht von Onassis, werden nachgestellt. In Schwarz-Weiß-Rückblenden wird außerdem die erste Anmache des Reeders (Haluk Bilginer) gezeigt. Einmal geht es noch weiter zurück, als die kleine Maria im besetzten Griechenland einem SS-Offizier die Habanera vorträgt, dem darob die Tränen kommen: Ob der Krieg anders ausgegangen werden, wenn man die Deutschen gleich mit Gesang bekämpft hätte? Als Onassis auf dem Sterbebett liegt, wird er ein letztes Mal von seiner großen Liebe besucht. Die Schlagfertigkeit der beiden bekommt einen Trauerrand. Diese Doppelbödigkeit ist mit das Beste am Film.

Ebenso die Szenen, in denen Angelina nicht Maria sein will, sondern einfach eine Diva darstellt. Allürenhaft, sich unverstanden wähnend, schnippisch und zugleich liebenswert. Oder wenn Regisseur Lorrain alles ins Surreale gleiten lässt, wenn wahres Leben also in die Oper driftet. Zu fassen bekommt der Film die Diva nicht. Dazu bleibt vieles nur feines Ornament, untermalt von musikalischem Glutamat: Man hört das „Parsifal“-Vorspiel oder die hier rein instrumentale Cavaradossi-Arie „E lucevan le stelle“. Und auch wenn man die größte Sängerin des 20. Jahrhunderts nie richtig kannte: Gegen diesen eineinhalbdimensionalen Film muss man sie in Schutz nehmen. Am Ende schließlich die Originalaufnahmen. Und mit einem Augenzwinkern der echten Callas blitzt plötzlich mehr auf als im ganzen Film zuvor. Jessas, Maria.

Fotocredit: StudioCanal

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