Kein Blomstedt-Konzert: Wie sich die Musikstadt München blamierte

Es hätte ein früher Höhepunkt des Münchner Konzertjahres werden sollen. Doch dieser Traum platzte. Wobei: 24 Stunden zuvor, am Abend des 10. Januar, war Herbert Blomstedt, Doyen der Dirigentenszene, noch im Herkulessaal zu erleben. Mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks führte er Strawinskys „Psalmen-Symphonie“ und Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang-Symphonie“ auf. Ein denkwürdiger Abend, wer dabei war, wird ihn nie vergessen.

Das zweite Konzert mit demselben Programm musste tags darauf abgesagt werden, und dies kurz vor Beginn. „Aufgrund von kurzfristig aufgetretenen und nicht behebbaren technischen Störungen in der Residenz“, wie das BR-Symphonieorchester auf Facebook postete. „Aus Sicherheitsgründen“, wie hinzugefügt wurde. Was relativ neutral klingt, hat das Zeug zu einem weiß-blauen Skandal.

Nach übereinstimmenden Berichten gab es nachmittags im Herkulessaal der Münchner Residenz einen kurzen Stromausfall. Daraufhin wurde eine Alarm-Blinkanlage im Saal ausgelöst. Davon betroffen war, wie erzählt wird, zunächst ein Nachmittagskonzert der Münchner Symphoniker, einem privat organisierten Ensemble. Dessen Programm musste notgedrungen verkürzt werden. Die Ursache für den Alarm konnte nicht gefunden werden. Kein Brand, kein Geruch, keine Anzeichen von einem Defekt im Gebäude. Als die Alarmanlage („Lichter, die wie in einer Disco blinken“, so eine Beobachterin) sich nicht ausstellen ließ, und dies offenbar trotz mehrmaligem Resetting des Systems, machte sich bei den Verantwortlichen des Bayerischen Rundfunks Panik breit.

Chor, Orchester, Solisten und der 97-jährige Blomstedt befanden sich bereits im Herkulessaal. Der Dirigent wartete unschlüssig in seiner Garderobe. Auch die Verantwortlichen des Saales, der in der Obhut der freistaatlichen Schlösser- und Seenverwaltung steht, waren nicht dazu in der Lage, eine Lösung zu finden. Aus dem Orchester ist zu hören, dass man nach einem dort normalerweise abgeordneten Elektriker fahndete. Aber der war nicht aufzutreiben: Angeblich sei der Mann in Rente, die Stelle sei nicht neu besetzt worden. Ohnehin häufen sich seit einiger Zeit Beschwerden über die Schlösser- und Seenverwaltung, der Untätigkeit bis Missmanagement vorgeworfen wird.

Schweren Herzens musste der Blomstedt-Abend daraufhin abgesagt werden. Im Kassenfoyer spielten sich unschöne Szenen ab mit enttäuschten Konzertbesucherinnen und -besuchern, die sich nicht ausreichend informiert fühlten. Zettel an den Türen wiesen auf die Malaise hin, auch standen BR-Vertreterinnen und -Vertreter Rede und Antwort. Zu wenige, wie einige fanden.

Vieles deutet darauf hin, dass der Vorgang eine größere Dimension hat. Der Herkulessaal, vor allem dessen gesamter Backstage-Bereich, gilt als marode und dringend renovierungsbedürftig. „Eine Absage dieser Art war nur eine Frage der Zeit“, heißt es im BR-Symphonieorchester. Der Saal ist kein Einzelfall. Der Freistaat Bayern kämpft mit einem größtenteils selbst verschuldeten Sanierungsstau. Davon betroffen sind unter anderem Prestige-Objekte wie die Münchner Musikhochschule, die Neue Pinakothek, das Museum für Franken in Würzburg und demnächst auch die Bayerische Staatsoper.

Auf der anderen Seite werden neue Projekte ausgebremst. Gerade das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks leidet darunter. Bekanntlich soll es Hauptnutzer des geplanten Konzerthauses am Münchner Ostbahnhof werden. Doch nachdem dort die bisherige Planung über den Haufen geworfen wurde, stagniert alles. Ein Baubeginn ist nicht in Sicht, die Debatte ist mittlerweile über 20 Jahre alt. Der jüngste Vorfall im Herkulessaal, für den das BR-Symphonieorchester ein Erstbelegungsrecht hat, gibt nun den Befürwortern des Konzerthauses neue Nahrung.

Wie mit dem abgesagten Blomstedt-Programm verfahren wird, ist noch offen. Die Karten werden mutmaßlich zurückerstattet. Wobei viele Besucherinnen und Besucher von weither kamen, um den Star zu erleben, also Fahrt-, teilweise sogar Hotelkosten hatten. Denkbar wäre auch ein Nachholkonzert. Mit Herbert Blomstedt wäre das vielleicht sogar zu machen. Der Dirigent plant bereits bis zu seinem 100. Geburtstag.

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