Tatort Brabant: Katharina Wagners „Lohengrin“ in Barcelona

Nach bestem „Tatort“-Drehbuch passiert der Mord. Vier, vielleicht fünf Minuten verbreitet ätherisches A-Dur Gralsatmosphäre, da geht Lohengrin dem Herzog an die Gurgel. Gottfried wird im Teich untergetaucht, der junge Thronfolger kann sich nicht wehren. Ein Griff nach der Herrschaft in Brabant, beobachtet ausgerechnet von einem schwarzen Schwan – das possierliche Tier wird zum Kronzeugen und, man ahnt es, ein weiteres Opfer des angeblichen Ritters.

Ein Stück von rechts auf links krempeln, das ist bei Richard Wagners Urenkelin nichts Neues. Schon bei ihrer ersten Regie-Tat in Würzburg hat Katharina Wagner im „Fliegenden Holländer“ Daland als bösen Tochterverkäufer gezeigt. Hier, beim „Lohengrin“ am Gran Teatre del Liceu, ist es ein machtlüsterner Fremder, dessen weißer Roland-Kaiser-Gedächtnisanzug über seine wahre Gesinnung hinwegtäuscht. Vor fünf Jahren sollte diese Inszenierung schon in Barcelona herauskommen, Corona verhinderte dies. Ein zweiter Anlauf in Leipzig scheiterte. Die Bühnentechnik, so hieß es, war mit dem Setting (unter anderem ein tiefer, fahrbarer Teich) überfordert.

Warum der Titelantiheld mit Frageverboten auf Anonymität besteht, das hat Katharina Wagner offenkundig gefuchst. In vier Stunden zeigt sie die Aufklärung eines Mordes, vorangetrieben ausgerechnet von Ortrud, sonst gern als bizarre, tonkeifende Frau vorgeführt. In Barcelona übernimmt das Miina-Liisa Värelä. Die Finnin, ab Sommer 2026 unter anderem Münchens neue Brünnhilde, ist eine Hochdramatische par excellence. Mit reichem Timbre, müheloser Expansionskraft und, was in diesem Fach weniger häufiger ist, Darstellungslust. Schon ab der zweiten Aufführung wird sie in Barcelona von Iréne Theorin ersetzt. Das Haus wollte der von teils weit her eingeflogenen Premierengemeinde offenbar die Schwedin nicht zumuten – eine schräge, unverständliche Situation.

Värelä zur Seite: der stückangemessen entscheidungsschwache, umso stimmstärkere Olafur Sigurdarson als Telramund. Eine Neubewertung erfährt an dem Abend auch Elsa. Eben noch zum Galgen geführt und nach ihrem erträumten Retter barmend, wird sie von Lohengrin umklammert und in die Ehe geschleift: Der Mann braucht zur Führung in Brabant schließlich die junge Frau, der schnell Schlimmes schwant. Elisabeth Teige gestaltet das eher als herbes Gesamtkunstwerk, bei der Intonation sollte man nicht immer (Premierenstress?) zu genau hinhören.

Die Umwertung von Weiß auf Schwarz: Geht das auf? Drei Akte lang wird die (später höchst empörte) Gala-Gemeinde dieser Frage ausgesetzt. Kleiner Spoiler: Es funktioniert weitgehend. Ein paar (Libretto-)Details hängen zwar in der Luft, manches ist auch behauptet, weniger entwickelt. Die Männerchöre verharren gern in oratorischer Front. Im Grunde verfällt Katharina Wagner auf einen alten Trick. Durch die Behauptung des Gegenteils schälen sich ungeahnte, durchaus schlüssige Figurenaspekte heraus. Marc Löhrer hat dafür eine Einheitsbühne entworfen. Ein düsterer Kinowald à la Blair-Witch-Project, in dem Lohengrin auch die vervielfältigten Visionen des gemordeten Gottfried begegnen. Zweimal senkt sich eine Dreiraum-Wohnung herab, in der sich die so verschiedenen Szenen einer Ehe von Lohengrin/Elsa und Ortrud/Telramund aufdröseln lassen.

Besonders zugute kommt der Abend Klaus Florian Vogt, tenorklangtechnisch auf Lichtgestalten abonniert. Der ewige Lohengrin entdeckt nun hier die anderen, verkniffenen, härteren Seiten der Rolle. Manches ist auch bewusste Komik, wenn der allwissende Schwan, eine bewegliche Tierpuppe, von der Bühne gescheucht und später in eine Truhe gesteckt wird. Lohengrins Gralserzählung, nicht nur Ortrud weiß es, ist eine einzige Lüge. Oder vielleicht der Beleg, dass Papa Parsifal samt seinen Jüngern die Welt mit Verbrecherischem überzieht.

Dazu passt, dass Vogt seit einigen Jahren stabile Heldentöne in den Raum klotzen kann. Eine enorme Bandbreite vom Mezzavoce-Säuseln bis zur Dramatik: Nie war dieser Sänger besser in seiner Lebensrolle. Zwei Kollegen allerdings können nur schwer zum Rest-Cast aufschließen. Roman Trekel (Heerrufer) ist immerhin ein kluger Verwalter seines eng und porös gewordenen Baritons. Und Günther Groissböck ist als fieser König-Typ mit Blondscheitel und Soldatenmantel ideal, findet aber aus seiner Stimmverspannung kaum heraus. Josep Pons dirigiert unstet, ein Stop-and-go, das vor allem in seinen Verbreiterungen nicht zur Watte-Akustik des Liceu passt. Sein Orchester, nicht gerade mit übergroßer Wagner-Tradition gesegnet, schlägt sich mehr als wacker.

Nachdem Lohengrin in Akt drei an Telramund seinen zweiten Mord begeht, wird er von Ortrud mit vorgehaltenem Messer vor König und Volk gezwungen. Die Zivilermittlerin von Brabant schleift das entscheidende Beweisstück hinter sich her, gerade hat sie den toten Gottfried Teich entdeckt. Um das Konzept zu wahren, lässt Katharina Wagner ihren Schwanenritter ganz allein auf weiter Liceu-Bühne eine Vision erleiden und sich, nach Meucheln des Schwans, die Pulsadern aufschlitzen. Nix Romantik, nix Melancholie. Mit der Lust, bei den Werken ihres Uropas wider den Stachel zu löcken, hat Katharina Wagner Barcelona kaum nachlassende Premierenspannung beschert. Und die Buh-Rufer haben den „Lohengrin“ wohl missverstanden. Der bleibt schließlich Wagners erlösungsloses und damit schwärzestes Stück.

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