Hier ein Küsschen, da ein Tätscheln, dort eine Umarmung. Die Stimmung? Bestens. Das Publikum in der Nikolaikirche steht längst. Und aus dem Lächeln des Chefs kann man Dankbarkeit herauslesen, auch Triumph. Sir John Eliot Gardiner ist wieder da, nun auch beim Bachfest Leipzig. Zusammen mit seinen neu gegründeten Ensembles The Constellation Choir & Orchestra, jenen Klangkörpern, mit dem der Brite seinen Ex-Spielwiesen Monteverdi Choir und English Baroque Soloists Konkurrenz macht. Mutwillig, ein bisschen aggressiv, schließlich wurde er bekanntlich wegen einer Ohrfeige gegen einen Chorbassisten vor die Tür gesetzt.
Nichts von Irritationen nun zu spüren in Leipzig. Für zwei Konzerte gastiert man hier, im ersten Programm gibt es drei Jubilate-Kantaten von Bach. Gerade war man in Versailles, nun geht es weiter nach Barcelona. Der 82-Jährige ist nach seiner Zwangspause wieder im Geschäft. Gottlob, muss man sagen. Das Leipziger Konzert ist eine überlegene Vorführung seiner Barockkunst.
Frischer, homogener klingt der Constellation Choir im Vergleich zum Monteverdi Choir. Was geblieben ist: die offensive Klanggebung, die selbstverständliche Virtuosität, die Mühelosigkeit, mit der alles erzeugt werden kann. Doch die Sängerinnen und Sänger sind deutlich jünger als in Gardiners Monteverdi Choir. Und Solisten wie der Bassbariton Florian Störtz, der (so hält es Gardiner) auch im Chor mitsingt, sind eine Entdeckung. Das Duett „Wie will ich mich freuen“ mit Tenor Thomas Hobbs nehmen beide sehr wörtlich. Ein Ohrwurm, zum Plaisier des Publikums. Der Jubel zwingt zum Da Capo.
Die Nummer stammt aus der Kantate „Wir müssen durch viel Trübsal“. Bachs Jubilate-Kantaten erzählen von Qual und Trauer im Diesseits, alles wandelt sich in Freude und Zuversicht, Gottvertrauen vorausgesetzt. Wer mag, kann das auf Gardiners Situation beziehen. Höhepunkt des Abends ist der gleichnamige Eingangschor aus der Kantate „Weinen, klagen, sorgen, zagen“. Keiner kostet die harmonischen Reibungen so intensiv und genüsslich aus, kein Ensemble kann das derzeit so porentief rein singen. Eines vielleicht, der Monteverdi Choir – mit demselben Stück gastierte Gardiner schon 2018 beim Bachfest.
Sein Comeback nun auch in Leipzig – ein Triumph. Gardiner hat selbst davon berichtet, dass er sich einer Therapie unterzogen habe. Einen Senior wie ihn wird man nicht komplett umkrempeln können. Und andere wie Daniel Barenboim, die ihr Maestro-Leben uralter Schule bis vor Kurzem ausgelebt haben, genießen in dieser Debatte merkwürdigerweise mehr Schutz. Hauptsache, Gardiner ist wieder da. In Sachen Bach bleibt er simply the Best.

Hinterlasse einen Kommentar