Kultur zu teuer? Plädoyer für eine Schuldumkehr

Jetzt also 1,5 Milliarden, schlimmstenfalls zwei Milliarden Euro. Und wieder muss irgendwo dieser Knall gewesen sein, weil ja (Wie wär’s mal mit einem Synonymfinder?) die Kosten „explodiert“ sind. Aktuell trifft es die Stuttgarter Staatsoper. Mit einer Milliarde für die Sanierung war bislang gerechnet worden. Nun droht laut SWR-Recherche eine vierjährige Verlängerung der Umbauphase bis 2044 – mit entsprechenden finanziellen Folgen.

Ähnliche Hiobsbotschaften bekanntlich aus Berlin. Knapp eine halbe Milliarde Euro bei der Komischen Oper: Kurz stand der programmatisch noch immer aufregendste Musentempel der Hauptstadt sogar vor dem Baustopp. Wenigstens dies kann, so versicherte es zumindest Kultursenator Joe Chialo, verhindert werden. Alarmstufe Dunkelgelb ebenfalls aus Köln, wo für die Renovierung der Bühnen am Offenbachplatz ein Kostenplus von rund zwölf Prozent gemeldet wird – macht unterm Strich eine Summe von knapp 1,5 Milliarden Euro. Und so weiter und so fort, es gibt noch einige dieser Beispiele.

Was diese Meldungen immer suggerieren: Die Kultur wird teurer. Und eine unausgesprochene Frage schwingt mit: Muss das sein? Dabei sind solche Kostensteigerungen vieles, nur eines nicht: ein Naturereignis. Ein Meteoriteneinschlag in den öffentlichen Kassen. Eine Milliardenflutwelle, die Kommunen und Länder ohne Vorzeichen und Ankündigung bedroht. Denn hinter diesen Entwicklungen steht eben nicht die Kultur, da sitzen andere. Die Entscheidungsträger in Verwaltung und Politik.

Die haben nicht nur in Stuttgart, Berlin, Köln oder München sehenden Auges Sanierungsstaus zugelassen. Oder sie sind, man denke nur an das Beispiel Elbphilharmonie, überfordert mit Planung und Durchführung. Dabei geht es gar nicht um die Notwendigkeit solcher Projekte, ihre Ausstrahlungswirkung, ihre, auch so ein Begriff, „Synergieeffekte“ im städtischen Raum. Dafür wurden und werden genügend und gute Argumente aufgefahren. Es geht auch um anderes. Der Entscheidungsträger, der schulterzuckend und bedauernd auf Kostensteigerungen zeigt, stellt sich meist selbst bloß – weil drei Finger auf ihn zurückverweisen.

München plagt sich zurzeit mit zwei solcher Projekte. Immerhin hat sich die Stadt dazu durchgerungen, in ihrem alten Gasteig nicht nur ein paar Schrauben und Leitungen auszutauschen, sondern den großen Umbau zu wagen – nachdem (siehe oben) der erste Durchgang des Ausschreibungsprozesses in die Hose ging. Und der Freistaat? Schiebt noch immer sein Projekt Konzerthaus vor sich her. Seit 22 Jahren übrigens, das sprengt die Dimensionen von Elbphilharmonie und Berliner Flughafen. Es ist der kulturpolitische GAU des selbsterklärten weiß-blauen Musterlandes und Kulturstaats. Gerade am Beispiel Konzerthaus, das noch immer in der Nähe des Ostbahnhofs entstehen soll, lässt sich musterhaft verfolgen, wie sich die

Diese Planung ist passé: Animation des Münchner Konzerthauses am Ostbahnhof.
Foto: Cukrowicz/Nachbaur

Entscheidungsträger seit über zwei Jahrzehnten selbst ein Bein stellen. Und dabei ein Projekt auf die lange Bank schieben und entsprechende Extrakosten in Kauf nehmen. Auch hier bewegt man sich angeblich bei über eine Milliarde Euro, die Summe soll nun, nachdem alle bisherigen Pläne über Bord geworfen wurden, in den sechsstelligen Bereich gedrückt werden.

Über Bord werfen, das ist übrigens wörtlich zu nehmen. Die Bregenzer Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur, die den Wettbewerb fürs Konzerthaus gewonnen hatten, haben das Projekt neulich mit einer Schifffahrt auf dem Bodensee beerdigt. Eine schwarzhumorige Feier, die „Süddeutsche Zeitung“ hat sie geschildert. Und was nun? Im Grund alles auf Anfang. Und was genau? Folgende Fragen habe ich kürzlich Bayerns Kunstministerium gestellt:

„Wie ist der derzeitige Planungsstand? Was wird gerade unternommen zur Realisierung des Konzerthauses? Gibt es Verhandlungen mit dem Grundstückseigentümer Werner Eckart? Gibt es eine wie auch immer geartete Bauverpflichtung seitens des Freistaats innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens? Welche Gesamtkosten für das Konzerthaus peilt der Freistaat nach Aufgabe der alten Planung an? Gibt es schon konkrete, ursprünglich geplante Teile des Konzerthauses, auf die man verzichten will?“

Die detaillierte Antwort: „Planungen und Gespräche laufen. Es gibt derzeit keinen neuen Sachstand.“

Noch immer, so scheint es, befindet sich der Freistaat in der selbsterklärten „Denkpause“ – bei der die Grenze zum Desinteresse eher fließend scheint. Hier wie auch andernorts können Kulturschaffende nur hilflos zusehen, um sich dann anzuhören, ihr Sektor sei zu teuer. Höchste Zeit also in der Debatte für etwas anderes. Für eine Schuldumkehr.

Beitragsbild: Angeblich 1,5 bis zwei Milliarden Euro soll die Sanierung der Stuttgarter Staatsoper kosten. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

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