Kein Chef, der durch die Hofstallgasse schlurft, im weißen, oft zerknitterten Leinenhemd, gern eine Zigarette zwischen den Fingern. Der abends als einer der Letzten Platz nimmt im Parkett, nachdem er seine Schwätzchen gehalten hat: Die Salzburger Pfingstfestspiele waren die ersten ohne Markus Hinterhäuser. Zwar wird das Kurz-Festival dominiert von der künstlerischen Leiterin Cecilia Bartoli. Doch formell untersteht das Pfingstprogramm der Salzburger Intendanz. Und dort saß, bis zu seinem Zwangsabschied, eben jener nun geschasste Hinterhäuser.
Alles in Butter, alles zum Wohle der Festspiele geregelt, so sehen es die Entscheidungsträger um die Salzburger Landeshauptfrau. Karoline Edtstadler von der ÖVP ist zugleich Kuratoriumsvorsitzende der Festspiele und hat maßgeblich die Ablösung Hinterhäusers betrieben. Seine Interimsnachfolgerin Karin Bergmann hat tatsächlich die Atmosphäre verändert. Doch unterm Mönchsberg gärt es weiter. Das spürt jeder, der sich mit Künstlerinnen und Künstlern unterhält, die dort in diesem Jahr aktiv sind. Noch immer herrschen Bestürzung und Wut über den Bruch an der Spitze. Namentlich will sich keiner zitieren lassen: Auch Stars bangen um ihre Engagements.
Wie sehr die Festspiele Nachbeben fürchten, zeigen eilends verschickte Rundbriefe. „Auch für mich ist die Entwicklung eine große Überraschung“, schreibt Karin Bergmann an die Künstlerinnen und Künstler. „Schließlich hatte ich mir sehr gewünscht, zusammen mit Markus Hinterhäuser, an seiner Seite, für die Festspiele zu arbeiten.“ Zur Erinnerung: Eigentlich wollte Hinterhäuser die frühere Intendantin des Burgtheaters als Chefin der Schauspielsparte gewinnen. Dass er dies an einem offiziellen Bewerbungsverfahren vorbei regeln wollte (was ihm erlaubt gewesen wäre), nahm ihm das Kuratorium gewaltig übel. Dass Bergmann nach diesen Querelen zusagte, Hinterhäusers Nachfolgerin zu werden (offenbar ohne ihn vorab zu informieren), betrachten nicht wenige als Verrat.
„Nach beunruhigenden und verunsichernden Wochen, die hinter den Festspielen liegen, sehe ich mich für die kommenden zwei Sommer als Brückenbauerin“, schreibt Bergmann weiter. „Wenn jetzt gesagt wird, wir wollen Brücken bauen, frage ich mich: Wer hat die eigentlich abgerissen?“ Das sagt Yvonne Gebauer. Die Dramaturgin, häufig in Salzburg beschäftigt, ist eine der wenigen, die sich traut, den Mund aufzumachen. Sie ist Mitinitiatorin eines Offenen Briefes gegen das Votum des Kuratoriums, prominente Künstlerinnen und Künstler von Sängerin Asmik Grigorian über Schriftstellerin Elfriede Jelinek bis zu Regisseur Ulrich Rasche machten mit.
Vielen Beteiligten, auch engen Weggefährten Hinterhäusers, ist bewusst, dass er – vorsichtig gesprochen – nicht besonders zimperlich mit dem Kuratorium und anderen umgegangen ist. Ein Künstlertyp, kein Diplomat. Aber auch wenn es lautstarke, verletzende Vorfälle gab, auch wenn sich im „Spiegel“ kurz vor Hinterhäusers Sturz Künstlerinnen anonym zitieren ließen: Von einem System der Unterdrückung spricht eigentlich keiner. „Es gibt keine Einhelligkeit und nicht nur die eine Erzählung“, sagt Yvonne Gebauer. „Ich betrachte das als Propagandamaschine. Wenn es heißt ,toxisch‘ und ,Machtmissbrauch‘, wird diese Maschine sofort angeworfen – es entspricht aber nicht immer komplett der Wahrheit. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter. Es gibt auch ein persönliches Rache-Interesse einzelner Beteiligter. Letztlich ist es ein Machtspiel, bei dem politische Punkte gesammelt werden.“
Dass es in Salzburg zum Knall kommen musste, war klar. Markus Hinterhäuser und Kristina Hammer, seit 2022 Präsidentin der Festspiele, konnten nie miteinander. Eine von Anfang an unfriedliche Koexistenz. Doch Hammer, so erzählen es viele hinter vorgehaltener Hand, hat nicht das geliefert, unter anderem Sponsorengelder, was von ihr erwartet wurde. Zudem gilt ihr kulturelles Wissen und speziell das um die Festspiel-Programmatik als sehr überschaubar. Auch ihre Stelle ist wie die der Intendanz turnusgemäß ausgeschrieben. Die Wirtschaftsjuristin und Unternehmerin hat sich mittlerweile neu beworben.
Alles spricht dafür, dass es in der Causa Hinterhäuser um mehr geht. Nicht nur um verletzende Wutanfälle und Ressentiments. Von Künstlern und Künstlerinnen, dazu zählen auch die Spitzen der Kulturinstitutionen, wird immer häufiger verdeckt oder offen eingefordert, dass sie funktionieren und damit sich unterordnen müssen. Das „Wohlverhalten“, das von Hinterhäuser in einer Vertragsklausel eingefordert wurde, ist dafür symptomatisch. Argumentiert wird zudem nicht nur inhaltlich, sondern mit nackten Zahlen: Fast überall werden die Kultur-Etats zurückgefahren. Nicht nur eine Notwendigkeit, sondern eine indirekte Drohung, stets verbunden mit der Frage: Können wir uns das überhaupt noch leisten?
So wie Markus Hinterhäuser und Landeshauptfrau Karoline Edtstadler, so stehen sich gerade an vielen Orten Künstler und Kulturpolitik gegenüber. Streit entsteht aus Machtproben und aus Unverständnis. „Unsere Politiker lassen das Verrotten der künstlerischen Bildung zu“, hat der Münchner Bariton Christian Gerhaher gerade dem „Spiegel“ gesagt. Doch sei dies ein zwangsläufiger Effekt, wie er einmal im persönlichen Gespräch näher ausführte: Gerade an den derzeitigen politischen Entscheidungsträgern lasse sich ablesen, wohin es führt, wenn seit Jahrzehnten der musische Unterricht systematisch gekürzt werde und auch in den Familien dieses Defizit nicht mehr aufgefangen werde. Verständnis und Empfinden für die Kultur nähmen radikal ab. Im Klartext: Die Kulturpolitiker jetzt sind das Opfer der Entscheidungen ihrer Vorgänger.
Es gebe nur noch „aalglatte Lüneburger Kulturmanager-Studienabsolventen“, so formuliert es ein Musikstar, der in Salzburg aktiv ist und – wie viele andere – nicht genannt werden möchte. Yvonne Gebauer kann dem nur zustimmen: „Was ich am schlimmsten finde: Der Inhalt, das Programmatische und die Position der Künstlerinnen und Künstler sind der Politik inzwischen total egal. Die schriftliche Stellungnahme auf unseren Offenen Brief ist nur ein Copy-Paste des Antwortbriefs an die Sponsoren, die ihre Unterstützung zurückgezogen haben. Erschreckend.“
Wohlverhalten, das forderte letztlich auch der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ein. Dazu zählt die Affäre um den deutschen Buchhandlungspreis, als bekanntlich drei Geschäfte wegen angeblicher verfassungsfeindlicher Umtriebe ausgeschlossen wurden. Dazu zählt aber auch die von Weimer vergeblich betriebene Ablösung von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. Was darf Kultur? Die Antwort auf diese Frage verengt sich zusehends. „Ich glaube, dass Künstler wie Christoph Schlingensief oder der Regisseur Hans Neuenfels heute mehr als schlechte Karten hätten“, sagt einer, der ebenfalls auf der Honorarliste der Salzburger Festspiele steht. Künstler, die herausforderten, die Erwartungen unterliefen, das System überdehnten, Ausflipp-Momente inklusive. Männer ohne Wohlverhalten also.
Was hinzu kommt: Auf den Entscheidungsebenen von Bund, Ländern und Kommunen lassen sich immer weniger Ermöglicher finden, die von der Szene Ahnung haben, für sie kämpfen, zugleich aber geschmeidig mit den Finanzpolitikern umgehen können. Berlin hat mit Ex-Kultursenator Joe Chialo und seiner Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson gerade zwei Personen verschlissen. Augsburg hat den fähigen Kulturreferenten Jürgen Enninger in die Wüste geschickt, sein Posten wurde ganz gestrichen und dem Bildungsreferat zugeschlagen – mitten in der heiklen Phase, in der die Stadt unter der Theatersanierung ächzt. Ähnliche Beispiele gibt es mehrere im deutschsprachigen Raum.
„Was bedeutet den Beteiligten die Kultur wirklich? Und was ist nur eine Marketingstrategie?“, fragt daher Yvonne Gebauer. „Wer steht für Kunst und Kultur ein? Und wer ist moralisch integer?“ Eine Entfremdung ist da zu konstatieren, Künstler und Ermöglicher sprechen nicht mehr dieselbe Sprache. Der Fall Hinterhäuser offenbart also Entscheidendes: keine Krise der Kultur, sondern die der Kulturpolitik.
Foto: Neumayr/Salzburger Festspiele

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