Gardiner, Bachfest Leipzig & Co: Wenn alles so einfach wäre

Jetzt also doch. Ein Abschlusskonzert mit Bachs h-Moll-Messe am 20. Juni 2027 in der Thomaskirche, Sir John Eliot Gardiner plus Constellation Choir and Orchestra auf der Empore – Wochen hat es gedauert, bis sich die Verantwortlichen in Leipzig dazu durchgerungen haben. An der künstlerischen Leitung lag es eher weniger, wie erzählt wird. Eher an Sponsoren, die mit finanziellen Konsequenzen drohten. Und an politischen Entscheidungsträgern, die erst ganz sichergehen wollten, dass da kein grapschender Star mit Rückfallpotenzial eingeladen wird.

Die Erzählung ging auch eine Spur zu simpel: Eine Mitarbeiterin des Bachfests will ein Präsent erreichen, eine gerollte Urkunde; beim 83-jährigen Gardiner steigen prompt die Altherrensäfte – das Mitbringsel wird von ihm unter erheblicher Fummelei der Überbringerin in den Ausschnitt gesteckt. Der Gedanke dahinter: Wer ein Chormitglied schon einmal geohrfeigt hat, der hat sich auch in anderen Fällen nicht unter Kontrolle.

Es gibt Beobachterinnen und Beobachter, die auch anderes erzählen. Von einer emotional aufgeladenen Situation. Von einem Publikum, das die musikalische Fraktion wie im Fußballstadion feierte. Von einer Bachfest-Mitarbeiterin, die sich Gardiner von hinten näherte, ihm auf die Schulter tippte. Von einem irritierten Dirigenten, der die Situation zunächst nicht einordnen konnte – und eine Blumen tragende Festivalfrau vielleicht sofort als solche erkannt hätte, weniger eine mit gerolltem Zettel: womöglich ein Fan auf verbotenem Terrain?

Keine Frage: Das Herumnesteln an der Bachfest-Mitarbeiterin war ein Fehler Gardiners, ein Übergriff, eine Grenzverletzung – und ihr Schock also berechtigt. Ebenso klar ist aber: Für ein strafrechtliches Verfahren reicht dieser Vorfall nicht aus. „Dass eine Mitarbeiterin bei unserem Festival grenzüberschreitendes Verhalten eines Künstlers erleben musste, hat uns und viele andere Menschen aufgewühlt und verpflichtet uns, unsere eigenen Strukturen und Abläufe kritisch zu überprüfen“, so das Statement des Bachfests, das VAN-Magazin hat darüber zuerst berichtet. „Der betroffenen Kollegin haben wir nach dem Vorfall Unterstützung und Hilfe angeboten. Für die Bewertung des Geschehens haben wir uns bewusst nicht auf eine einzelne Perspektive beschränkt, sondern unabhängige Expertise aus unterschiedlichen Fachgebieten eingeholt.“ Das Konzert solle also nach ausgiebiger Abwägung stattfinden, aber: „Über das Jahr 2027 hinaus werden zunächst keine neuen künstlerischen Projekte mit Sir John Eliot Gardiner vereinbart.“

Die Folgen der Leipziger Szene offenbaren aber noch anderes. Wie schnell vermeintlich monokausale Narrative entstehen. Wie sie in der öffentlichen Debatte begierig aufgenommen und weitergetrieben werden. Wie sie mit Klischees und Vorurteilen unterfüttert oder von ihnen sogar bestimmt werden. Und wie sie sich teilweise sogar entfernen von der Realität. Ähnliches, anders Gelagertes trug sich in diesem Sommer in Bayreuth zu: als eine Diskussion über die Verlegung (!) der Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman plötzlich – und angetrieben vom Festredner selbst – eine andere Richtung nahm und simple Narrative produzierte. Von einer (nie geplanten) Absage über Antisemitismus bis zu Kommentaren à la „typisch braunes Bayreuth“.

Komplexität und Abwägung scheinen also out. Und manchmal misst die Kulturszene nicht mit zweierlei, sondern mit mehrerlei Maß: Auf der einen Seite „typisch Gardiner“ und Rufe nach einer endgültigen Kaltstellung des Dirigenten. Auf der anderen Seite die Hofierung von Stars mit einer langen Übeltatenliste – die durch ihre Erfolge, ihr Eintreten für Völkerverständigung, durch Alter oder Krankheit Schutz genießen. Dialektisch gesehen ist der Fall Gardiner also das Beste, was der Musikwelt passieren konnte: Die Debatte fängt gerade erst an.

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