Fähiger Mann von der Ersatzbank: Peter de Caluwe wird Intendant der Salzburger Festspiele

„Ich bin der letzte Mohikaner aus der Gerard-Mortier-Zeit.“ Das sagte Peter de Caluwe einmal über sich. Insofern trägt die jüngste Entscheidung für die Salzburger Festspiele auch das Label „keine Experimente“. Mortier befreite das Spektakel unterm Mönchsberg einst vom Karajan-Muff, wurde als Ermöglicher und Theatervordenker ebenso legendär wie als ständiger Stachel im Fleisch der (politischen) Entscheidungsträger und Traditionalisten. Was einst revolutionär war, gilt heute als – allmählich verbleichendes – Gütesiegel. Die einstigen Assistenten und Mitstreiter Mortiers bekleiden heute wichtige und gut dotierte Ämter. Man nehme nur Serge Dorny in München, Viktor Schoner in Stuttgart – und ab Herbst 2027 eben Peter de Caluwe als Intendant der Salzburger Festspiele.

1986 wurde der gebürtige Belgier, Jahrgang 1963, von Mortier ans Brüsseler Opernhaus La Monnaie geholt. 2007 wurde er dort Intendant und blieb immerhin bis 2025. Schon einmal hatte sich de Caluwe für die Salzburger Intendanz beworben, als Nachfolger Alexander Pereiras, und scheiterte knapp gegen Markus Hinterhäuser. Auch in diesen Tagen gab es eine knappe Salzburger Entscheidung, doch die fiel dieses Mal gegen die Favoriten Barrie Kosky und Sophie de Lint aus. Letztere, so wird kolportiert, sollte Chefin werden, Kosky eine Art künstlerischer Berater. Zu gern hätten ihn die Salzburger verpflichtet. Doch der (zu) Vielgebuchte hätte den Intendanten-Job allein nicht stemmen können, gegen eine 100-Prozent-Stelle sprachen seine Regieverträge für die nächsten Jahre. Es muss heftig zugegangen sein in den vergangenen zwei, drei Tagen. Schon letzten Donnerstag sollten Kosky/de Lint präsentiert werden. Doch tagelang gab es keine Unterschriften. Im Kuratorium, so ist zu hören, wünschte man sich plötzlich und genervt ganz andere Namen. Nochmals eine Frontlinie, nochmals Konfrontationspotenzial, nochmals ein drohender Streit wegen späterer Kompetenzrangeleien, das wollte man sich an der Salzach nicht antun. Die Personalie sollte endlich vom Tisch.

Peter de Caluwe ist also Plan B. Kein Intendant, den die Entscheidungsträger aus dem Hut zauberten, eher ein fähiger Mann von der Ersatzbank. Aktuell hat er keinen Prestigejob, er ist „nur“ Geschäftsführer des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2030 für die belgische Stadt Leuven. Der Neue hat ein Sensorium für Stückauswahl, inhaltliche Ausrichtung eines Opernhauses und Regiehandschriften. Und mithin mehr Übersicht als Markus Hinterhäuser, der irgendwann nicht mehr durchlässig war für neue Impulse und fast nie (anders als KollegInnen) herumreiste, um für eigenen Input zu sorgen. Die Reaktionen auf de Caluwes Berufung reichen von „Notlösung“ bis zu Erleichterung. Nach heftigen Straucheleinheiten in den vergangenen zwei Tagen hat sich Salzburg schnell wieder gefangen. De Caluwe kann Kosky ja im Sommer 2028 die Eröffnungsinszenierung überlassen.

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